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Vorwort
Kapitel
1 Unsere Kommunikation im Alltag ist paradox
Theorie
1.1 Allgemeine Anmerkungen zum gängigen Kommunikations-Chaos und kommunikationstheoretische Erklärungen
1.2 Biologische, anthropologische und gesellschaftliche Voraussetzungen
zum Erlernen von gestörten Kommunikationsmustern
1.3 Irrationale Kommunikation – Charakteristiken
1.4 Wir werden von unseren Bezugspersonen und sonstigen
gesellschaftlichen Institutionen zu schlechten Sendern konditioniert
1.5 Ich-, Wir- und Du-Botschaften – ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt
1.6 Warum Männer und Frauen unbewusst unterschiedlich kommunizieren
Praxis
1.7 Aus paradoxer Kommunikation herauswinden
1.8 Übungen zum Bewusstmachen der eigenen Kommunikationsgewohnheiten
1.9 Zusammenfassung
Kapitel
2 Direktive Kommunikation – Grundlagen einer sinnvollen Verständigung
2.1 Das Modell der Direktiven Kommunikation: Attraktivität, Beobachtung, verbale Kommunikation, Empathie
2.2 Grundlagen des Ansatzes
2.2.1
Humanbiologie und gängige Gesellschaftsnormen
2.2.2 Humanistische Psychologie
2.3 Komponenten des Modells
2.3.1
Attraktivität
2.3.2
Beobachtung
2.3.3
Verbale Kommunikation
2.3.4
Empathie
2.4 Zusammenfassung
Kapitel
3 Direktive Kommunikation im alltäglichen Miteinander
Theorie
3.1 Der Halloeffekt – das A und O im Alltag
3.2 Schein zählt immer mehr als Sein – das übliche Schubladendenken der Mitmenschen berücksichtigen
3.3 Erscheinungsbild und Körpersprache – Wechselspiel der wichtigsten Elemente
3.4 Exkurs Menschenkenntnis – Charaktertypen und ihre Besonderheiten
3.4.1
»Ich bin auf Grund von Überverwöhnung in der Kindheit
ein Helfertyp« – mütterliche Pflegecharaktere
3.4.2
»Ordnung, Sparsamkeit und (Gefühls-)Kontrolle ist das ganze
Leben« – anal-sadistische Charaktere
3.4.3
»Ich fühle mich minderwertig, bewundere mich!« –
phallisch-narzisstische Charaktere
3.5 Falltüren der Partnersuche – frühkindliche Erwartungshaltungen (hysterische Persönlichkeiten)
Praxis
3.6 Flirttipps für den Alltag
3.6.1
Ansprechen – drei Methoden der Direktiven Kommunikation
3.6.1.1
Methode der Alternativfrage
3.6.1.2 Methode des nicht-zielgerichteten Kommentars zur gegenwärtigen Situation
3.6.1.3 Methode der Banalität
3.7 Zusammenfassung
Kapitel
4
Direktive Kommunikation in intimen Beziehungen und Familien
Theorie
4.1 Herkömmliches Konfliktverhalten in Partnerschaften
4.2 Negative Projektionen – Das unsichtbare Gift im zwischenmenschlichen Umgang
4.2.1
Projektionen erster Art – »Meine eigenen Abgründe kann
ich mit reinem Gewissen angreifen, wenn ich sie bei dir sehe; das ist
verträglicher für mein Selbstbild«
4.2.2
Projektionen zweiter Art – »Ich hasse dich dafür, dass
du so ›bist‹, wie ich (vor mir selbst) nicht sein
darf!«
4.2.3
Projektionen dritter Art – »Wenn ich du wäre, dann
würde ich so und so denken und handeln!«
Praxis
4.3 Herrschaftssprache bewusst machen und in entscheidenden Momenten ablegen
4.4 Alltägliches Flirten mit dem Pendant erzwingt Partnerschaftszufriedenheit
4.5 Ich-Botschaften – verschiedene Arten
4.6 Zwiegespräche
4.7 Konflikte sinnvoll nach dem Modell der Direktiven Kommunikation lösen
4.8 Zusammenfassung
Kapitel
5 Resümee und Ausblicke
Literatur
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Kapitel
3.4.2 »Ordnung, Sparsamkeit und (Gefühls-)Kontrolle ist das ganze Leben« – anal-sadistische Charaktere
»Wer vom
Menschen sittlich und moralisch zu viel verlangt, macht ihm Unbehagen
und erzeugt via Frustration bei ihm Feindseligkeit gegen sich selbst
und andere.«
– RATTNER u. DANZER (2003, S. 142)
Kommen wir nun
zu einer Gruppe von Gesinnungen, die nach CORRELL (2003) 36% der
arbeitstätigen Bevölkerung in der BRD (Stand: 1996) ausmacht:
die zwanghaften Persönlichkeiten. Im Unterschied zum
mütterlichen Pflegecharakter, der ja vorwiegend ein empathischer,
höchst offener und authentischer Gefühlsmensch ist, ist der
Anal-Sadist, so wird er in der Psychoanalyse auch genannt, das
Gegenteil: ein Kopf- und Verstandesmensch. Ein Exempel:
Ein mütterlicher Pflegecharakter sitzt neben einem Zwangscharakter
im Flugzeug. Irgendwann während des Fluges ergeben sich leichte
Turbulenzen.
Mütterlicher Pflegecharakter (spontan aufgebracht): »Oh
Gott, was, wenn wir abstürzen und sterben. Ich habe solche
ANGST!«
Zwangscharakter (kühl und gefasst): »Die Wahrscheinlichkeit
eines Absturzes liegt bei den derzeitigen Variablen
»Wetterverhältnisse« und »Bau- und
Verarbeitungsart des Flugzeugs« bei exakt 1:1.000.000.«
Dem Charakterzug des Zwangscharakters liegt eine Fixierung an die 2.
Phase der psychosexuellen Entwicklung, anale Phase, zu Grunde.
Zur Entstehung der zwanghaften Gesinnung einige Worte: In besagter
Zeit, 2.–4. Lebensjahr, beginnt das Kind, sich erstmals als
Lebewesen mit eigenem Selbstbewusstsein wahrzunehmen, d.h. es
entwickelt ein Ich-Bewusstsein (vorher kann es noch nicht zwischen
Subjekt und Objekt unterscheiden). Mit erstmals impulsiv
ausgesprochenen Widersprüchen wie »Will nicht!« oder
»Nein!« kann der heranwachsende Mensch seine Eltern in der
»Trotzphase«, wie der Volksmund diesen
Entwicklungsabschnitt frappanterweise nennt, herausfordern. Daher
entstehen auch insbesondere in dieser Lage gehäuft Konflikte und
Machtkämpfe zwischen Eltern und Kindern. Die wesentlichen
gesellschaftlichen Aspekte, die für den Heranwachsenden in dieser
Phase eine große Rolle spielen, sind: Sauberkeitstraining,
Übernahme und Verinnerlichung der Ge- und Verbote der Eltern (=
Entstehung des Über-Ich), Unterdrückung und Kontrolle der
Affekte und Gefühle.
Zwanghafte Eltern, die selbstredend vorwiegend ein Man- und kein
Ich-Selbst-Sein offenbaren, also ihren Lebens- und Werteentwurf sowie
ihre Erziehungsphilosophie nach den Idealen der Allgemeinheit
ausrichten, werden auf Grund ihrer eigenen Fixierung an die anale Stufe
alles daransetzen, dass ihr Kind ...
a) ... möglichst früh »sauber« wird (der
Heranwachsende wird unvermeidlicherweise lernen, dass man Liebe
bekommt, wenn man die Ausscheidungsfunktionen und körperlichen
Antriebe unterdrückt; Tadel erhebt sich bei Verstoß),
b) ... sich insgesamt ruhig, brav und »lieb« in
Gesellschaft aufführt (vor allem dann, wenn Besuch ins Haus kommt
oder der Kirchgang ansteht),
c) ... gesellschaftlich erwünschte Sprech-, Verhaltensweisen und Hobbys pflegt.
Werden diese
Bemühungen allzu vehement und impulsiv betrieben, was bei
Bezugspersonen mit zwanghaftem Charakter fast ausschließlich der
Fall ist, dann verinnerlicht das Kind eine Überfülle an
aufgegebener Selbstkontrolle. D.h., Gefühle, Affekte und
Aggressionen aller Art, die jeder Mensch ja auch zeitlebens produziert,
werden mit mal mehr, mal weniger Am-Riemen-Reißen
fortwährend »unten« gehalten, damit man nicht den
Unwillen der Bezugspersonen auf sich zieht. Derartige Kinder bekommen
meist erst Liebe, wenn sie sich »zusammenreißen
können«. Auf dieser Grundlage entstehen leicht die
zwanghaften Charakterzüge. Ein weiteres Phänomen, das wir in
anal-sadistischen Familien vorfinden: In dieser Umgebung »gibt
[es für Kinder] wenig Raum für eigene Gefühle und
Meinungen. Meistens gibt es nur eine Meinung: die des dominierenden
Elternteils; sie wird nicht als Meinung, sondern als absolutes Gesetz
geäußert« (RINGEL 1955/2004, S. 85).
Natürlich brechen gerade in der Kindheit auch immer mal wieder die
vitalen Menschlichkeiten durch, und dann kracht es gewaltig. Dabei ist
der Heranwachsende oft einem charakteristischen Lernprozess ausgesetzt,
der in zukünftigen Zeiten oft wieder, freilich unbewusst, zutage
tritt: »Das Kind wird auf gewisse Streittechniken konditioniert,
die für die spätere Ehebeziehung von Bedeutung sein werden:
Es lernt, daß es in einer Beziehung darum geht, wer der
Stärkere ist und wer die Macht hat. Wer nicht unterworfen werden
will, muß sich den anderen unterwerfen.« (WILLI 1975/2001,
S. 110)
Ist das Kind vollständig umgekrempelt und emotional
zurechtgeschliffen (das bedarf ausgiebiger Kämpfe), kann man es
endlich gefahrlos bei gesellschaftlichen Anlässen als Beispiel
für eine »mustergültige Erziehung«
präsentieren. Man wird dafür stets Anerkennung erhalten.
»Ach, welch gute Manieren, das haben Sie aber gut hingekriegt,
Kompliment!« Nebenbei erwähnt, bei Mitmenschen derartig zu
glänzen, ist nicht selten auch die Hauptmotivation von
überzogener Erziehung.
Gefühlsunterdrückende Erziehungsphilosophien haben generell
Auswirkungen auf das ganze zukünftige Leben des Individuums; diese
bleiben in der Regel unbewusst, zeigen sich aber anhand des
praktizierten Lebensstils ganz deutlich – für
Außenstehende.
Die Folgen einer zwanghaften Erziehung: Geiz, Sammeldrang, Selbsthass, offener und versteckter Sadismus gegen andere
Im Erwachsenenalter, so können wir uns vorstellen, sind die
Kämpfe in der Kindheit bereits seit langem verdrängt, doch
die persönlichen Eigenarten und zwanghaften
Charakterausprägungen sind nicht zu verleugnen und höchst
verräterisch im täglichen Verkehr. WILLI nennt typische
Phänomene, die Anal-Sadisten auffallend häufig in Kombination
zeigen: Pünktlichkeit, Fleiß, Sauberkeit, Sparsamkeit,
Pedanterie, Korrektheit und Ordnungsliebe – oft weit
überzogen ausgeprägt. Das ständige Bestreben nach
Sauberkeit und Korrektheit beispielsweise zeigt sich schon anhand der
getragenen Kleidung, in der gewählten Art, wie man spricht, oder
in aristokratischen, d.h. gesitteten, Essgewohnheiten.
In der Jugendphase sind die Zwanghaften oft Außenseiter, sie
werden entweder von der Clique ausgelacht oder angefeindet. In der
Schule erarbeiten sie sich meist die besten Noten, vorwiegend in den
Naturwissenschaften. Sie sitzen meist in der ersten Reihe. Zu ihrem
Glück gibt es an allgemein bildenden Schulen nach wie vor kein
Unterrichtsfach mit dem Namen »Psychologie«, wo es u.a. um
Motivationen von Verhaltensweisen und Gefühle im Allgemeinen geht.
Dort hätten Anal-Sadisten unzweifelhaft sehr schlechte Karten,
weil ja gerade das verbalisiert und thematisiert werden würde, was
in zwanghaften Haushalten besonders tabuisiert ist.
Schach, Computerspiele, Rätsel und Mathematikwettbewerbe
gehören oft zu bevorzugten Freizeitaktivitäten. Zwanghafte
Jugendliche sind eher zu Hause anzutreffen als an Sammelpunkten der
Gleichaltrigengruppe; auch deshalb, weil ihre Eltern sie oft vor den
»schlimmen Verlockungen der bösen Welt«
beschützen wollen. RICHTER (1970/2001, S. 33) interpretiert das
elterliche Verhalten psychoanalytisch: »Die Älteren trauen
den Jüngeren projektiv die Gefahren zu, gegen die sie sich aus
unerledigten Sexualkonflikten heraus in sich selbst noch nicht besser
als mit neurotischen Reaktionsbildungen zu schützen
wissen.«
Die spätere Berufswahl richtet sich natürlich nach den
gesellschaftlichen Richtlinien und Vorgaben. Sie belegen oft
»sichere« und geradlinige Studiengänge, z.B.
Architektur, Jura, Medizin, Maschinenbau oder BWL. Oder man macht
Karriere bei der Bundeswehr, beim Staat (z.B. Lehrer, Pädagoge),
im Bankgewerbe oder bei Versicherungen.
Penible Sparsamkeit bis hin zum Geiz, über den der gesunde
Menschenverstand nur spotten mag, ist typisch für den
Anal-Sadisten. Das liebe Geld ist der bevorzugte Gegenstand von
ausgiebigen Überlegungen, Freizeitbeschäftigungen und
alltäglichen Handlungen aller Art. Zwangscharaktere sind
natürlich Experten in Sachen Einkommenssteuererklärung und
stets auf dem neusten Stand der Gesetzeslage, was noch alles von der
Steuer abgesetzt werden kann. Daher verdient der Staat auch an diesen
Individuen gewiss am wenigsten.
Zwangscharaktere können monatelang akribisch günstige Urlaube
und Freizeitaktivitäten planen. Sie wissen ganz genau, wann, wo,
was am preiswertesten ist. Erfolgreich zu sparen ist dem
Zwangscharakter eine wahre Wonne, oft der eigentliche und einzige Sinn
des Lebens. Ein Beispiel: Als einziger Nicht-Student in der Mensa
schämt sich der Abteilungsleiter einer nahe gelegenen
Großbank, Jahresgehalt 90.000 Euro, kein bisschen, 1,60 Euro
für sein Mensa-Essen zu bezahlen. Wieso sollte er irgendwo anders
mehr berappen? Daneben hat er sich seit 2 Jahren an der Uni pro forma
als Student eingeschrieben – wegen des Semestertickets! Mit
diesem kann er 147,37 Euro pro Halbjahr sparen, und das Auto bleibt des
Öfteren in der Garage. Diesen genauen Betrag hat er mit dem neuen
Statistikprogramm seines Arbeitgebers, das er natürlich seit
Wochen zu Hause, schwarzkopiert, auf dem Rechner hat, ganz genau
ausgerechnet. Was ihm beim Essen aber heute am meisten im Magen liegt,
ist die Tatsache, dass er am Abend ein Date mit einer adretten Blondine
aus der Leistungsabteilung hat, die er sehr attraktiv findet.
Vielleicht muss er das gemeinsame Dinner bezahlen, das ist höchst
beunruhigend! Wenn sie ja mit ihm danach ins Bett gehen würde,
hätte sich die Investition gelohnt. Was aber, wenn es sich nicht
ergibt? Hm. Diese Unsicherheit, schrecklich! Ohne Sex würde das
Geld ja zum Fenster hinausgeschmissen werden! Aber wenn er ja auf der
Heimfahrt mit dem Semesterticket fahren würde, hätte er den
Betrag wieder gespart. Schwierig, schwierig. Die »Daten«
muss er nach dem Mittagessen sofort in den Rechner geben und sehen, was
dabei herumkommt. Achja, und wenn er statt Rotwein heute auf
Mineralwasser umsteigen würde, könnte er wieder den Betrag x
sparen usw.
Finanziell unabhängige zwanghafte Persönlichkeiten, z.B. aus
dem Investmentbereich, können morgens an der Börse
Wertpapiere für 3 Millionen Euro umsetzen und mittags mit einem
reinen Gewissen bei Aldi Salami und ein Pfund haltbares Brot zum
Abendessen für 1,63 Euro kaufen.
Natürlich ist das Verfallsdatum bei Lebensmitteln für den
Zwanghaften eine relative Größe: »Ach was, vor zwei
Wochen abgelaufen! Das weiß der Joghurt doch nicht! Mir
schmeckt’s!«
Zwanghafte Persönlichkeiten zeigen nach FREUD (1907/2000) ganz
augenscheinlich den unbändigen Antrieb, bestimmte
Alltagshandlungen und -verrichtungen stets gleichartig, quasi nach
einem ungeschriebenen »Gesetz« auszuführen. Der
Meister nennt u.a. das »Bettzeremoniell«: »Der Sessel
muß in solcher, bestimmter Stellung vor dem Bette stehen, auf ihm
die Kleider in gewisser Ordnung gefaltet liegen; die Bettdecke
muß am Fußende eingesteckt sein, das Bettuch glatt
gestrichen; die Polster müssen so und so verteilt liegen, der
Körper selbst in einer genau bestimmten Lage sein; dann erst darf
man einschlafen« (FREUD 1907/2000, S. 14). Ähnliches
(zeitraubendes) Vorgehen zeigt sich z.B. auch bei derartigen Koch-,
Putz- oder Sexzeremoniellen.
Kommen wir aber zurück zum Sammeldrang. Der typische Geiz des
Anal-Sadisten zeigt sich auch in dem Zwang, daher auch die Bezeichnung
Zwangscharakter, massenhaft Dinge zu horten, an sich zu nehmen; nichts,
aber auch gar nichts kann man leichten Herzens hergeben. Sollte die
mütterliche Pflegecharakter-Komponente (siehe oben)
überwiegend fehlen, dann ist man sogar geizig seinen eigenen
Kindern gegenüber – und hat dabei ein reines Gewissen.
3 Kleiderschränke voller Utensilien sind dem Zwangscharakter nicht
genug, wer weiß, wofür man das und das noch brauchen
könnte, und wenn nicht, kann man dieses oder jenes bei Ebay
versteigern. Darum werden auch, nebenbei erwähnt, neue Kleidungs-
oder Möbelstücke nie benutzt – weil man sie
»schonen« will. Das Behaltenwollen zeigt sich auch
vornehmlich im lebenslangen Sträuben, ein Testament für seine
Nachkommen aufzusetzen; man findet allerhand vernünftige
Gründe, noch zu warten. Mit anderen Worten, man rationalisiert
seine Unmoral, und am Schluss atmet das Gewissen auf. Sollte dies dann
doch einmal in einem schwachen Moment geschehen, dann werden nicht
selten strenge Auflagen in die Testamentunterlagen aufgenommen, z.B.
dass das übrig gebliebene Kapital nicht auf einmal, sondern nur
gestückelt ausbezahlt wird; nicht selten werden angehende Erben
auch anders gegängelt. Der gesunde Menschenverstand mag hier
Einspruch erheben, für den Zwangscharakter ist dies logisch,
sinnvoll und auch höchst befriedigend (siehe unten).
Noch weitere Wesensmerkmale: Die Mailbox des Handys ist
selbstverständlich nie aktiviert, denn das Abhören des
Anrufbeantworters kostet einige Cent, die man sparen kann.
Oftmals besteht auch ein unglaublich großer Mangel an Humor- und
Lachfähigkeit. Selbst wenn die ganze Runde herzlich lacht, sitzt
der Zwangscharakter unbeeindruckt da. Anal-Sadisten bekommen manchmal
nie einen Einblick in die wunderbare Welt des Humors. Daher haben sie
oft nur ein Kopfschütteln übrig, wenn jemand lacht, wenn es
lustig wird. Der Grund dafür liegt in der
gefühlskontrollierten Sozialisation in der Kindheit.
Wenn Zwangscharaktere umsonst zu einem x-beliebigen Gegenstand kommen
und irgendeiner aus dem Umfeld fragt, ob er ihn haben könne, etwa
weil man ihn dringend brauche, dann heißt es: »Ja, aber ich
muss erst noch im Katalog nachschauen, was das gekostet hat. Ich mache
dir dann einen fairen Preis.«
Die hier besprochene Charakterstruktur vergisst übrigens nie, wie
viel Geld man ihr noch schuldet. Der Schuldner wird dann meist in einer
unterschwelligen, verurteilenden Art erinnert und ermahnt. Das
führt uns zu einer typischen Eigenart des Zwanghaften: seinen
ausgeprägten Sadismus.
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