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Kapitel 4.2.1.2 »Persönliche Schematherapie bei Angststörungen«
Wie wir oben
gesehen haben, beeinflussen spezifische Schemata "im Kindheitsstadium"
sowohl die Wahrnehmung und das Verhalten als auch den Lebenswandel an
sich. Sie trüben auch den klaren Verstand. Daher sollte man die
besonders störenden Denkmuster, die die allgemeinen
Lebensauffassungen bestimmen, identifizieren und bewusst hinterfragen.
Folgendes müssen Sie sich stets klarmachen: Alle Angst
auslösenden Schemata sind in der Kindheit entstanden; daraus
folgt, dass sie infantile, "ungeschliffene" und unreflektierte(!)
Inhalte widerspiegeln. Wir müssen uns von ihnen befreien!
Im Folgenden
soll dies in Bezug auf die hier thematisierten Angststörungen
geschehen. Wir untersuchen u.a. die hinderlichen Denkmuster aus
Abschnitt 3.6.1 und führen sie ad absurdum. Es ist zunächst
wichtig, dass Ihnen der paradoxe Charakter dieser Schemata beim Lesen
und später in der Realität einleuchtet.
Soziale Phobie.
"Ich kann mich in der Öffentlichkeit nicht angemessen verhalten,
ich bin peinlich." – Halt! Das ist ein Irrtum. Wieso sollten Sie
sich durchweg nicht angemessen verhalten können? Verhielten Sie
sich bisher immer anstößig? Zu jeder Zeit? Wohl kaum.
Außerdem: Sie sind nicht der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit eines
jeden Menschen. Wieso sollte Sie außerdem jeder peinlich finden?
Sind Sie so wichtig? Nein. "Was andere über mich denken,
zählt sehr viel." – Falsch! Im Gegenteil, generell ist es
sogar recht egal, was die Umwelt über Sie denkt. Wichtiger ist die
eigene Persönlichkeit, das Selbst-, nicht das Man-Selbst-Sein.
Gäbe es keine Menschen, die aneckten, gäbe es auch keinen
Fortschritt, keine Veränderung, die Gesellschaft würde
stagnieren. "Eine Ablehnung ist eine Katastrophe!" – Nein! Eine
Abfuhr ist kein Problem. Es gibt 1.000 und mehr Gründe, wieso man
anderen unsympathisch erscheint. Dies muss nicht zwingend am eigenen
Aussehen oder Charakter liegen. Niemand wird von allen gemocht. Oben
wurde die Tatsache besprochen, dass jeder Mensch unter
Wahrnehmungsfehlern leidet, sobald Mitmenschen abgeschätzt werden.
Jeder wird daher unausweichlich selbst auch mal Opfer von Aggressionen
und Antipathie. Und? Man kann es bekanntlich eh nicht jedem recht
machen, oder? Aber es gilt auch das Gegenteil: Es ist unmöglich,
auf jede Person einen unsympathischen Eindruck zu machen!
Generalisierte Angststörung.
Hier trifft man häufig auf folgende Konzepte: "Das Leben ist
unvorhersehbar." – Das stimmt. Der Zufall beherrscht die Welt.
Ist halt so. Fertig. Legen Sie daher zu stark ausgeprägte
Kontrollambitionen ab. Wer sich auf das Leben einlässt, der
lässt auch Platz für befreiende Spontaneität und
Flexibilität. "Die Zukunft ist bedrohlich" – Nein! Die
Zukunft ist im Allgemeinen das, was jeder daraus macht. Sie sind Ihres
Glückes eigener Schmied. Da kann sich niemand herauswinden. Warum?
Jeder hat Potenziale in sich, von denen er rein gar nichts weiß.
Davon weiß man deshalb nichts, weil sie durch nachteilige
Erziehungseinflüsse und/oder abwegigen Schema-Erwerb
zunichtegemacht wurden. D.h., vielleicht steckt in Ihnen ein
talentierter Maler, Entertainer, Fotograf, Schauspieler. Leider bleiben
viele Talente, vorzügliche Charaktereigenschaften und andere
wundervolle Seiten ein Leben lang verborgen. Daher gilt: Probieren Sie
ab jetzt Dinge aus, die Ihnen bisher nicht in den Sinn kamen oder Ihnen
nach eigenen Aussagen "einfach nicht liegen". Überwinden Sie Ihre
Schranken im Kopf. Denn diese Schranken stammen nicht von Ihnen selbst,
man hat sie Ihnen antrainiert. "Die Welt ist gefährlich." –
Stimmt! Erich Kästner sagte einmal, dass das Leben sogar
lebensgefährlich sei. Natürlich gibt es Gefahren, etwa im
Straßenverkehr, auf dem Weg nach Hause usw. Doch warum sollte
Ihnen oder Ihren Lieben immer das Schlimmste passieren? Ist das nicht
extrem unwahrscheinlich? Schauen Sie sich Ihre Mitmenschen an. Denken
sie genauso? Warum fahren Millionen Menschen freiwillig mit dem Auto,
reisen mit dem Flugzeug, praktizieren waghalsige Unternehmungen? Ganz
einfach: Weil sie das Leben nicht so schwarzsehen wie Sie. Prüfen
Sie Ihre Sorgen, und zwar möglichst objektiv.
Zwangsstörungen.
"Ich bin moralisch unvollkommen." – Natürlich sind Sie das!
Das trifft aber auch auf jeden zu, der die Bezeichnung Homo sapiens
trägt. Schattenseiten, Ecken und Kanten machen uns erst zu dem
Menschen, der wir sind. Sie müssen nicht länger Perfektionist
sein, das geht irgendwann an die Substanz und, das ist gerade der Witz,
macht erst aggressiv! "Ich könnte jemanden verletzen." – Ja,
das stimmt. Aber jeder andere ist auch dazu imstande. Nach
evolutionstheoretischen und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen
besitzt jeder Mensch einen gewissen Hang zur Gewaltbereitschaft. Die
limbischen Zentren sind dafür verantwortlich. Wenn Sie diese
Tatsache akzeptieren, müssen Sie nicht länger ein
vollkommenes Selbstbild, eine weiße Weste tragen – was zur
allgemeinen seelischen Gesundheit und zum Abbau von absurden
Vorstellungen beitragen wird. Es gibt nämlich gar keine
weiße Weste. Mit anderen Worten, wenn wir uns mehr Aggressionen
(in sensu) und "unsaubere" Gedanken gegenüber Mitmenschen
gestatten, werden wir auch unsere entsprechenden Ängste verlieren.
Anders gesagt, in sensu können sie gerne mal handgreiflich werden.
"Ich bin schmutzig." Ja, und wiederum gilt das für uns alle. Denn
Millionen von Bakterien und Mikroorganismen bevölkern die
Oberfläche unserer Haut, das ist Schicksal. Da kann man tun, was
man will. Eine durchschnittliche Körperhygiene ist daher
ausreichend. Übertriebene Sauberkeit widerspricht schlichtweg
unserer Natur.
Spezifische Phobie.
"Wenn mir ein Hund zu nahe kommt, wird er mich beißen." –
Nein! Das kann sein, muss aber nicht. Man kann sogar sagen: eher nicht.
Wie kommt ein solches Denkmuster zustande? Sie haben wahrscheinlich
irgendwann einmal eine negative Erfahrung mit einem oder mehreren
Vierbeinern gemacht und diesen Eindruck dann intuitiv auf andere Tiere
ausgedehnt, generalisiert. Aber mal unter uns: Was hat Ihre
traumatische Erfahrung eigentlich mit anderen Hunden zu tun? Nichts.
Machen Sie sich das bewusst und denken Sie in den entsprechenden
Situationen daran. "Spinnen sind eklig." – Ja, das sind sie
tatsächlich, finde ich auch. Aber Sie wissen ja mittlerweile,
woran das liegt: Diese Angst ist angeboren – was aber nicht
bedeutet, dass Sie diesem Schicksal ausgeliefert sind. Gehen Sie doch
mal mit einer Spinne auf Tuchfühlung. Das ist ungefährlich,
denn in unserem Kulturkreis gibt es keine giftigen Spinnen. "Spritzen
tun immer weh." – Nun, okay, 1:0 für Sie. Ich gebe zu: ein
bisschen schon. Die Angst vor spitzen Gegenständen dürfte
auch auf angeborenen Grundlagen fußen. Eine Überwindung
lohnt aber alleine schon deshalb, weil durch Blutabnahme bei
Vorsorgeuntersuchungen lebensgefährliche Krankheiten oder
körperliche Dysfunktionen frühzeitig erkannt und behandelt
werden können. Wer seine Blutphobie überwindet,
verlängert also wahrscheinlich sein Leben.
Agoraphobie.
"Wenn ich in einem Kaufhaus bin, wird mir schwindelig und ich kippe
um." – Halt! Es steht keinesfalls fest, dass Sie einen
Schwindelanfall beim nächsten Einkaufsbummel bekommen. Aber durch
dieses Schema machen Sie das Ereignis wahrscheinlicher. Wie wir oben
gesehen haben, lohnt es sich, Schwindelanfälle zuzulassen.
Infolgedessen sieht man, dass sie zwar unangenehm, aber keinesfalls
gefährlich sind. Seien Sie also mutig, gehen Sie direkt ins
Kaufhaus und harren Sie dort aus, bis sich sämtlichen Reaktionen
in Wohlgefallen auflösen. "Beim Theaterbesuch kriege ich eine
Panikattacke." – Nein! Sie verallgemeinern nur Ihre
Ursprungserfahrung von damals. Wieso sollte sich zwingend ein
Panikanfall ereignen? Denken Sie daran: Durch Ihr Vermeideverhalten
unterstützen Sie diese Angststörung. Wenn Sie merken, dass in
der Öffentlichkeit etwas mit Ihrem Körper geschieht, dann
lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit sofort auf andere Dinge in Ihrer Umwelt,
das hilft. "Wenn ich auf ein Open-Air-Konzert gehe und mir wird
plötzlich schlecht, wird mir niemand helfen können." –
Halt, Denkfehler! Die nachteiligen Symptome werden von selbst
nachlassen, wenn Sie der Angst lange genug die Stirn bieten; dann
brauchen Sie auch keine Hilfe mehr.
Panikstörung.
"Ich bin kurzatmig – jetzt bekomme ich einen Panikanfall."
– Falsch! Sie werden einen besseren Umgang mit Panikattacken
praktizieren können, wenn Sie sie zulassen. Dies ist viel
vorteilhafter, als zwanghaft gegen sie anzukämpfen. Flüchten
Sie nicht länger. Darin liegt der Erfolg. Daher sagt auch
Morschitzky (2004, 532): "Bleiben Sie bei der Panik im Hier und Jetzt,
ohne negative Erwartungen!" Zum nächsten Schema: "Ich werde durch
eine Attacke sterben oder schwere körperliche Schäden
davontragen". – Nein! Das ist nicht korrekt! Borwin Bandelow
(2004, 325), einer der führenden Panikforscher im
deutschsprachigen Raum, sagt klipp und klar: "Man kann an einer
Panikattacke nicht sterben." Sehen Sie, dieselben Symptome (Atemnot,
Schwitzen, Zittern, Schwindel) haben auch Menschen, die Ausdauersport
betreiben oder in die Sauna gehen. Unser Körper löst diese
Reaktionen aus, damit mehr Energien zur Verfügung stehen.
"Herzklopfen ist das erste Indiz eines Herzinfarkts." – Falsch!
Das ist eine grobe Verzerrung der Realität. Zu Herzrasen kommt es
nämlich auch bei körperlicher Anstrengung.
Posttraumatische Belastungsstörung.
"Ich werde mein Leben lang keine Freude mehr haben." – Falsch!
Sie können Traumata überwinden und wieder das Leben
genießen. Doch bevor dies geschehen kann, ist es wichtig, sich
solange mit den Erfahrungen herumzuschlagen, bis sie verarbeitet und
angstfrei ins Erfahrungsgedächtnis integriert werden können.
Daneben lohnt die Stärkung des Selbstwertgefühls, welches
normalerweise durch entmutigende Erlebnisse beschädigt ist. "Ich
bin unfähig, ab jetzt irgendwelche Beziehungen zu führen."
– Das ist ein Denkfehler. Sie projizieren die seelische
Erschütterung auf Ihre gegenwärtigen Verhältnisse. Wer
dieses Schema offenbart, hat lediglich die schlimme Tatsache noch nicht
verarbeitet. "Ich muss alles vermeiden, was irgendwie mit dem Trauma zu
tun hat." – Fataler Irrtum! Wie Sie wissen, verschärft
gerade das Vermeideverhalten die Angstsymptome. Sie müssen die
Konfrontation suchen, in sensu und in vivo.
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