|
Vorwort
Kapitel
1 Einleitung – Eifersucht in der
Zweierbeziehung, Familie und im Alltag
1.1 Eifersucht – ein zweischneidiges Schwert in der
Partnerschaft
1.2 Fadenscheinige Charakteristiken unserer Gesellschaft:
Geschlechtsunterschiede und Doppelmoral
1.3 Eifersucht in Familien
1.4 Neid – ein emotionales Gift im Zwischenmenschlichen
Kapitel
2 Die blinde Leidenschaft – angeborenes Potenzial
oder Charakterschwäche?
2.1
Evolutionstheoretische Erkenntnisse
2.1.1 Eifersucht von Männern und Frauen in Bezug auf
Partnerwahl und Untreue
2.2
Eigene Untersuchung – »Verzeihen eher Frauen einen
Seitensprung?«
2.2.1 Forschungsziele
2.2.2 Fragebogen
2.2.3 Befragung
2.2.4 Erfahrungen
2.2.5
Teilnehmerinnen und Teilnehmer
2.2.6
Ergebnisse
2.2.7
Fazit
2.3
Sichtweisen von Philosophen
2.4
Neuere Entwicklungen – ganzheitliche Ansätze
2.4.1
Neurowissenschaften
2.4.2
Psychosomatik
2.5
Tiefenpsychologische Erklärungen
2.5.1
Sigmund FREUD – drei Ausprägungen von Missgunst
2.5.2
Alfred ADLER – Minderwertigkeitsgefühl und
Machtstreben
2.5.3 Eifersucht
– eine Folge der Einflüsse unserer Haben-Gesellschaft
2.6
Lerntheorien
2.6.1
Lernen am Modell
2.6.2
Klassisches Konditionieren
2.7 Fazit
einer integrativen Sichtweise
Kapitel
3 Phänomene der Eifersucht
3.1 Allgemeine Bemerkungen
3.2
Formen von »eifersüchtiger« Kommunikation
3.3
Verschiedene Arten des Umgangs
3.4
Charakteristische Verhaltensweisen von Eifersüchtigen
3.4.1
Besitzen-Wollen
3.4.2
Überwachen
3.4.3
Nachspionieren
3.4.4
Eifersuchts-Untreue-Teufelskreis
Kapitel
4 Eifersucht und Charakterkunde
4.1 Angst
vor dem Getrennt-Sein – symbiotische Charaktere
4.1.1
Auffälligkeiten
4.1.2
Formen der Eifersucht
4.1.3
Persönlichkeitsentwicklung in Bezug auf Eifersucht
4.2
Angst vor dem Kontrollverlust – Zwangscharaktere
4.2.1
Auffälligkeiten
4.2.2
Formen der Eifersucht
4.2.3
Persönlichkeitsentwicklung in Bezug auf Eifersucht
4.3
Angst vor dem Unterlegen-Sein – phallische Narzissten
4.3.1
Auffälligkeiten
4.3.2
Formen der Eifersucht
4.3.3
Persönlichkeitsentwicklung in Bezug auf Eifersucht
4.3.4
Hysterische Frauen
Kapitel
5 Integrative therapeutische Maßnahmen
5.1
Anmerkungen
5.2
Evolutionstheoretische Therapie
5.3
Tiefenpsychologische Maßnahmen
5.4
Charakterkunde
5.5
Philosophie
5.6
Verhaltenstherapeutische Maßnahmen
5.7
Allgemeine Empfehlungen
5.7.1
Selbsterkenntnis
5.7.2
Herkömmliche Sichtweisen verändern –
kognitives Training
5.7.3
Ich-Selbst-Sein
5.7.4
Problemzentrierte Zwiegespräche
5.7.5
Teufelskreise auflösen
5.7.6
Authentische Kommunikation
Kapitel 6 Resümee und Ausblicke
Literatur
Anhang Fragebogen
Seitenanfang
|
|
Kapitel 3.3 Verschiedene Arten des Umgangs
Skizzenhaft möchte ich auf lebensbejahende,
zwiespältige, paranoide und depressive Umgangsformen mit
Eifersucht eingehen.
Lebensbejahende
Eifersüchtige
»Mein
Partner lässt mir die Freiheit, das zu tun, was ich will. Ich
kann mich treffen, mit wem und wann ich will, ohne dass es dabei
lästige Gespräche oder gar Unterstellungen gibt.
Deshalb übertreibe ich es nicht und gehe ihm auch nicht fremd
– gerade weil ich es leicht tun könnte. Ich tue es
auch deshalb nicht, weil ich weiß, dass seine
Großzügigkeit einzigartig ist. So einen Mann finde
ich nie wieder! Ich erzähle ihm auch – nach
Kriterien des gesunden Menschenverstandes – von anderen
Männern.«
– Manuela, Psychologie-Studentin aus Landau,
25 Jahre alt
Es gibt Menschen, die beim Thema »Eifersuchtsprobleme in
Beziehungen« verständnislos den Kopf
schütteln und einfach abwinken. Die Theorie von FREUD, nach
der Eifersucht in jedem Liebesverhältnis anzutreffen ist,
scheint bei diesen Individuen nicht zuzutreffen. Ich habe sie
lebensbejahende Eifersüchtige genannt, auf die Gefahr hin,
dass die Leserin, der Leser bei dieser Bezeichnung einen Circulus
vitiosus, d.h. einen Widerspruch in sich selbst, unterstellt. Dies
wäre auf den ersten Blick hin gewiss möglich, weil
man im Allgemeinen Eifersucht mit Egoismus und damit wahrscheinlich
eher mit einem negativen Begriff wie
»lebensverneinend« verbinden würde. Mit
anderen Worten, man könnte annehmen, ein Mensch, der
eifersüchtig ist, könne kein lebensbejahendes Wesen
offenbaren.
Doch es gibt sie, die eben vorgestellten positiven Ausnahmen. Ich habe
beispielsweise mit einer befreundeten Psychologie-Studentin gesprochen,
die nach eigenen Aussagen »spielend leicht« mit der
Missgunst umgeht. Sie würde folgende präventive
Verhaltensweisen mit ihrem Freund gemeinsam(!) praktizieren:
1.
Wenn beide Partner separat Bekannte treffen, werden, bevor man sich
alleine auf den Weg macht, generell erstmal keine W-Fragen gestellt.
Tabu sind also folgende Frageformen: »Wie lange bleibst
du?« – »Wann kommst du wieder?«
– »Wer kommt denn noch alles mit?«
– Der wesentliche Vorteil, der durch solche passive
Vorgehensweisen entsteht: Wenn man dahingehend weniger gefragt wird,
erzählt man von sich aus mehr.
2. Eine andere Handhabungsweise, die den Beziehungsalltag
betrifft: Niemand fragt den Anderen, von wem er gerade eine SMS
bekommen hat. – Positive Wirkung: siehe Punkt 1.
3. Jegliche Unterstellungen sind generell verboten, z.B.:
»Du hast doch mit ihr/ihm irgendwas.« –
Erfreulicher Effekt: siehe Punkt 1.
Ich muss noch klarstellen, dass diese Gebote als a priori beschlossene
Richtlinien zu verstehen sind. Sie sind demnach nicht etwa erwachsen
aus schlechten Erfahrungen, sondern sie wurden zu Beginn der Beziehung
bewusst gemeinsam abgesprochen, um verträgliche
Voraussetzungen für einen adäquaten Umgang mit
Eifersucht zu erschaffen.
Wir können feststellen, dass der eben beschriebene bejahende
Lebensstil gewaltige Vorteile in einer Zweierbeziehung
ermöglicht. Doch nur dann, wenn der Partner ebenso
ähnliche Überzeugungen vertritt. Ist dem nicht so,
kann man dem lebensbejahenden Menschen schnell einen Strick aus seinen
Gepflogenheiten drehen. Man kann ihm, wie oben mehrfach thematisiert,
Gleichgültigkeit und mangelhafte Aufmerksamkeit vorwerfen.
Finden sich jedoch zwei Menschen, die sich durch den beschriebenen
Umgang mit Eifersucht kennzeichnen, können beide sicherlich,
neben den anderen bereits genannten Wirkungen, auf diese positiven
Effekte bauen:
-
Die sexuelle Leidenschaft vergeht mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit nie, denn man ist sich seines Partners nicht sicher
(ein ähnlicher Zustand wie zu Beginn der Beziehung). Und vor
der Unsicherheit hat man im Allgemeinen mehr Respekt als vor der
Gewohnheit. Ferner wird auch die sinnliche Aufmerksamkeit permanent
angeregt.
- Die Partnerschaft charakterisiert sich durch einen Wechsel von
intimer Nähe und Distanz, ohne Zweifel ein Gewinn bringender
Aspekt.
Zwiespältige
Eifersüchtige
Andere
Menschen wiederum präferieren einen eher ambivalenten Umgang
mit der dunklen Leidenschaft. Man ist also bei relevanten
Konstellationen oft hin und her gerissen.
Eine innerliche Uneinigkeit ist zunächst einmal kein Zustand,
den man neurotisch nennen könnte. Denn, ganz allgemein gesagt,
wir alle erleben jeden Tag innere Zwiespälte, in der
Partnerschaft, im Beruf, im stillen Kämmerlein usw. Der
hauptsächliche Grund liegt darin, dass jeder Mensch zahlreiche
psychische Konstrukte verinnerlicht hat, die von den engsten
Bezugspersonen herstammen. Diese Konstrukte beeinflussen unser
alltägliches Denken und Handeln; wovon wir aber
gewöhnlich nicht viel mitbekommen. Der Tiefenpsychologe Fritz
KÜNKEL (1928/2003, S. 117) drückt den Sachverhalt so
aus: »Wir alle sind von unseren Bezugspersonen in weit
höherem Maße abhängig, als wir
meinen.«
In Hinsicht auf Menschen, die besonders zu inneren
Zwiespältigkeiten neigen, heißt das: Es kann
permanent zu alltäglichen Komplikationen kommen, weil
fortwährend mindestens zwei Strebungen unbewusst gegeneinander
arbeiten, z.B. ein verinnerlichter (toleranter) Vater und eine
(hysterische) eifersüchtige Mutter. Ein geradliniger,
durchgängiger Umgang mit Missgunst scheint dann nicht so
einfach zu sein. Demnach kann es leicht passieren, dass z.B.
Vereinbarungen nicht eingehalten werden. Wer etwa einmal verlauten
lässt: »Geh heute Abend ruhig mit deinen Freunden
los«, der bekommt häufig, so ca. 10 Minuten bevor
der Partner das Haus verlassen will, noch kalte
Füße, d.h. Angst. Infolgedessen fällt so
mancher wieder ins andere Extrem: Er/sie möchte die
Unternehmung dann doch noch verhindern.
Paranoide
Verhaltensmerkmale
In
Anlehnung an einen SHAKESPEARE-Klassiker hat man in
tiefenpsychologischen Kreisen den Begriff
»Othello-Syndrom« zur Charakterisierung von
psychotischen Eifersüchtigen herangezogen. Der gleichnamige
Held der Erzählung erlebt bekanntlich die unglaublichsten
seelischen Qualen aus Eifersucht, die man sich vorstellen kann.
– Es geht natürlich dabei um eine Frau, die er
liebt, und um Mord und Totschlag.
Wer in der Realität eine ähnliche Psychose wie
Othello entwickelt, wird seinem Partner wahrhaft einen aufregenden und
lebhaften Alltag aufzwingen, aufregend und lebhaft im zynischen Sinn,
versteht sich.
Alle Menschen, die am eindeutigsten in Beziehungen infolge von Neid
leiden, geben an, entweder einen wahnhaft eifersüchtigen
Partner zu haben oder dem besagten Bild selbst zu entsprechen.
Der Albtraum in der Partnerschaft definiert sich meist durch folgende
Phänomene:
-
Permanente Verdächtigungen,
- Manipulationen,
- Ängste,
- lautstarke Auseinandersetzungen,
- verschiedene Arten von psychischer und physischer Gewalt.
Sie haben es vielleicht gemerkt – es handelt sich dabei um
Charakteristiken der wahnhaften Eifersucht, wie wir sie zu Anfang des
Buchs definiert haben. Damit Sie eine Vorstellung davon bekommen, wie
weit eine derartige Psychose gehen kann, will ich einen
adäquaten Fall (nach BUSS 2003, S. 109) ansprechen. Es geht
dabei um einen Ehemann, der seiner Frau permanent Ehebruch vorwirft.
Die Lage spitzt sich zu: »Er behauptete, die Vagina seiner
Frau habe sich verändert, und meinte,
›Spuren‹ von dem Glied eines anderen Mannes in
ihrer Vagina spüren zu können.«
Menschen, die in paranoider Art und Weise mit ihrer Eifersucht umgehen,
tragen manchmal unbewältigte traumatische Erfahrungen aus der
Kindheit oder Jugend mit sich herum. Sie wuchsen beispielsweise in
zerrütteten Verhältnissen heran, z.B. in Familien, wo
Eifersucht täglich ähnlich wahnhaft offenbart wurde.
Oder aber der Schicksalsschlag einer Trennung der Eltern
drückt das Gemüt tagtäglich unbewusst herab
und quält das Ich vom Kindesalter an. Mitunter kann sich auch
eine verinnerlichte neurotische Geschwistereifersucht in eine Missgunst
verwandeln, die den derzeitigen Partner ähnlich hart trifft.
Wie auch immer die Mechanismen, die zu
einer psychotischen Eifersucht geführt haben, verursacht
wurden, das betroffene Individuum quält permanent sich selbst
und den Partner in einer ausgeprägten Weise, scheinbar wird
man dabei nicht müde.
Depressive
Verhaltensweisen
Wer
einen paranoiden Umgang mit Eifersucht favorisiert, der lässt
u.a. Aggressionen bereitwillig und ungebremst nach außen hin
ab, z.B. dann, wenn der Partner eigene Unternehmungen starten will.
Andere Individuen dagegen, die einen eher introvertierten Umgang in
Bezug auf Aggressionen und Missgunst pflegen, favorisieren typisch
depressive Bewältigungsmechanismen (vgl. Abschnitt 4.1). Aus
der Aggression gegen Andere wird bei dieser Handhabungsweise demnach
eine Aggression gegen sich selbst.
Wer also zu depressiven Charakteristiken
neigt und irgendwann Eifersucht verspürt, etwa weil der
Partner mit seinen Freunden einen Kurzurlaub gestartet hat und nun
nicht mehr erreichbar ist, der offenbart häufig diese
Bewältigungsmechanismen:
-
Der Frust wird mit viel Alkohol ertränkt.
- Man erliegt mehreren Fressattacken.
- Man heult ausgiebig und wird körperlich krank.
- Man ruft seinen besten Freund oder die beste Freundin an und klagt
ausführlich über sein Unglück und Leid. Nach
Beendigung des Telefonats wird der nächste Freund oder die
nächste Freundin angerufen usw.
Weil unterdrückte Aggressionen sich auch körperlich
bemerkbar machen können, darauf will ich noch einmal
hinweisen, gehen nicht selten psychosomatische Krankheiten gerade mit
diesem Verhaltensstil einher (vgl. Abschnitt 2.4.2). Ich
möchte an dieser Stelle nicht weiter auf depressive
Verhaltensweisen eingehen, sie begegnen uns unten noch einmal. Vorab
dürfen Menschen, die zum depressiven Umgang mit Eifersucht
neigen und symbiotisch veranlagt sind, einen Ausspruch von NIETZSCHE
(1886/1986, S. 239) auf sich wirken lassen: »Leben wir zu
nahe mit einem Menschen zusammen, so geht es uns so, wie wenn wir einen
guten Kupferstich immer wieder mit bloßen Händen
anfassen: eines Tages haben wir schlechtes beschmutztes Papier und
nichts weiter in den Händen. Auch die Seele eines Menschen
wird durch beständiges Angreifen endlich abgegriffen;
mindestens erscheint sie uns endlich so – wir sehen ihre
ursprüngliche Zeichnung und Schönheit nie
wieder.«
Seitenanfang
|